Das HB-Männchen: Gefühlsachterbahn im Familienleben

Unser Familienleben ist geprägt von zwei tollen und besonderen Kindern. Der Ältere, 12 Jahre alt, hat uns auf eine emotionale Reise mitgenommen, die von tiefen Tälern bis zu hohen Gipfeln der Freude und Erkenntnis reicht. Als Eltern eines hochbegabten Kindes stehen wir täglich vor neuen Herausforderungen, die nicht nur unser Kind, sondern auch uns wachsen lassen.

Wie war es im Kindergarten?

Bereits im Kindergarten fiel auf, dass er sehr pfiffig war, ebenso sehr sensibel, aber auch sehr lebhaft und einen hohen Gerechtigkeitssinn hatte, sowie einen scharfen Blick für logische und weniger sinnvolle Regeln. Irgendwann standen wir vor der Entscheidung, ob eine frühe Einschulung das Richtige wäre. Die Hochbegabung war zu diesem Zeitpunkt noch kein Thema und wir entschieden uns letztendlich aufgrund seiner Verspieltheit und geringen Körpergröße, ihn im Kindergarten zu belassen. Heute wissen wir, dass das der typische, immer wieder herangezogene Grund auch für bereits hochbegabt getestete Kinder ist, diese nicht frühzeitig einschulen oder springen zu lassen, was in der Regel aber kein sinnvolles Kriterium ist. Verspielt und chaotisch ist unser Sohn übrigens noch heute.

Bei der Einschulung

Die Einschulung war sehr aufreibend. Unser Sohn hat sich unglaublich auf die Schule gefreut – innerhalb dreier Wochen verweigerte er dann jedoch vehement, wortreich und unter vielen Tränen den Gang zur Schule.

Das setzte eine Kette von heftigen Wutausbrüchen und tiefen emotionalen Tälern beim damals 6jährigen in Gang, die unser Familienleben auf die Probe stellten. Diese Phase war geprägt von Verzweiflung und der Suche nach Antworten, die wir zunächst nicht fanden.

Wie hat sich das geändert?

Der Beginn einer Wende setzte ein mit der Erkenntnis der Hochbegabung unseres Sohnes, die durch eine psychologische Beratung und anschließende Testung herauskam. Sehr schnell sind wir auf Organisationen wie die DGhK zugegangen, wo uns endlich klar wurde, dass wir als Familie mit unseren Erfahrungen nicht allein waren und mit deren Unterstützung uns die Augen für die Bedürfnisse unseres Sohnes geöffnet wurden. Das half uns allen ungemein, auch dabei, dass wir schließlich mit der Grundschule unseres Sohnes übereinkamen, ihn eine Klassenstufe überspringen zu lassen. Der weitere Weg war dann trotzdem voller Höhen und Tiefen, aber auch voller Wachstum und tiefgreifender und verbindender Momente.

Die Pandemie und das Homeschooling

Die globale Pandemie stellte wie bei allen auch unsere Welt auf den Kopf, doch das daraus resultierende Homeschooling entpuppte sich für uns in gewisser Weise als Segen. Trotz des chaotischen Anfangs fanden wir im Homeschooling einen Rhythmus, der unserem Sohn entgegenkam. Die Flexibilität und die Möglichkeit, individuell auf sein Lerntempo und seine Interessen einzugehen, milderten viele der schulischen Stressfaktoren. Dass er beim dem online-Unterricht durch das Zimmer sprang, einen Ball warf, bastelte und auf Ansprache durch die Lehrperson trotzdem sofort wusste, worum es ging und antwortete, war für uns eine Freude. Diese Phase erlaubte uns, enger zusammenzurücken und unseren Sohn in einer Weise zu unterstützen, die im regulären Schulsystem so nicht möglich gewesen wäre.

Wie ist es heute?

Heute ist unser 12jähriger Sohn in der achten Klasse, und wir haben gelernt, mit den vielfältigen Herausforderungen, die seine Hochbegabung mit sich bringt, umzugehen – genauso aber auch, seine Hochbegabung als Bereicherung für ihn wie auch uns selbst zu erkennen. Die Schule und das soziale Umfeld haben sich verändert, er ist kein Hochleister, aber viel wichtiger ist uns, dass er emotional und psychisch stabil ist und weiß, dass wir ihm sicheren Halt geben, damit er seine Stärken und Fähigkeiten testen und entwickeln kann und seinen eigenen Weg findet. Die Tränen- und Wutausbrüche, die früher unseren Alltag bestimmten, sind seltener geworden, und wenn sie auftreten, verstehen und akzeptieren wir sie als Teil seines Prozesses, sich als Heranwachsender in der nicht auf die Bedürfnisse Hochbegabter ausgelegten Welt zurechtzufinden. Und mit dem zweiten, knapp Vierjährigen beginnt die Reise erst so richtig – immerhin wissen wir jetzt um die Vielfältigkeit des Themas Hochbegabung und können unterschiedliche Warnzeichen möglichst früh erkennen und ihn seinen Bedürfnissen entsprechend unterstützen

Fazit

Das Leben mit einem hochbegabten Kind ist eine emotionale Achterbahn, die uns als Familie letztendlich stärker gemacht hat. Die Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, haben nicht nur unseren Sohn, sondern auch uns als Eltern geprägt. Wir haben gelernt, Geduld zu haben, zu verstehen und vor allem zu akzeptieren. Diese Erfahrungen haben uns gelehrt, dass hinter jeder Herausforderung auch eine Chance zum Wachsen liegt. Es gibt so viele Momente, in denen wir unglaublich glücklich sind, ein solch kreatives, witz- und wortreiches Kind beim Heranwachsen begleiten und unterstützen zu dürfen. Wir blicken mit Hoffnung und Zuversicht in die Zukunft, wohlwissend, dass die Reise mit weiteren Hochs und Tiefs weitergeht, aber auch, dass wir gemeinsam jede Herausforderung meistern können.

Dieser Beitrag ist eine Herzensangelegenheit, die zeigen soll, dass das Leben mit einem hochbegabten Kind eine Reise voller Liebe, Verständnis und manchmal auch Schmerz ist. Es ist eine Einladung an andere Familien, in ihren Herausforderungen auch die Chancen zu sehen und zu wissen, dass sie nicht allein sind.