Hochbegabung erkennen

Hochbegabte Kinder verfügen über sehr früh entwickelte, weit überdurchschnittliche Fähigkeiten und Interessen. Dadurch sind sie in Teilgebieten oft beträchtlich weiter entwickelt als Gleichaltrige. Dies kann den logisch-mathematischen, den sprachlichen, den musikalischen, den bildnerisch-künstlerischen, den sportlichen oder den sozialen Bereich betreffen – manchmal auch mehrere dieser Bereiche gleichzeitig.

Etwa 3% aller Kinder sind weit überdurchschnittlich intellektuell befähigt und gelten somit als hochbegabt.

Wie fallen hochbegabte Kinder auf?

Eltern, Erzieher*innen und Lehrer*innen hochbegabter Kinder, die sich erstmals mit dem Thema beschäftigen, haben in der Regel eine Vielzahl von Fragen. Auf den Folgeseiten finden Sie erste Antworten auf die am häufigsten gestellten Fragen. Wir möchten Verständnis für die besonderen Eigenschaften dieser Kinder wecken und auf mögliche Probleme in Elternhaus, Kindergarten und Schule hinweisen.

Denn nur mit Wissen um Hochbegabung und der Bereitschaft, auf diese Eigenschaft einzugehen, kann erreicht werden, dass diese Kinder sich entsprechend ihrer Fähigkeiten zu ausgeglichenen und mit sich zufriedenen Erwachsenen entwickeln können.

Wichtig ist: Nicht alle der folgenden Merkmale müssen auftreten. Hochbegabung kann sich sehr unterschiedlich zeigen.

Im Kindergarten fällt ein hochbegabtes Kind auf

Langeweile: besonders bei Routineaktivitäten oder Aufgaben, die es als unterfordernd empfindet

Ablehnung bestimmter Spiele: bevorzugt komplexere Spiele; passt einfache Spiele an oder erfindet neue Regeln, wenn der Anspruch fehlt.

Interesse an „altersuntypischen“ Themen: begeistert sich für Themen und Aktivitäten, für die es „zu klein“ ist

Schwierigkeiten bei der Gruppenintegration: kann sich nur schwer einbringen und wird dadurch oft zum Außenseiter.

In der Schule fällt ein hochbegabtes Kind auf

Ständiges Gefühl der Unterforderung: fühlt sich im Unterricht und bei Aufgaben nicht ausreichend gefordert

Stigma als Streber oder Besserwisser: wird von Mitschülern abgestempelt und ist deshalb unbeliebt

Verhalten als Klassenclown: nimmt die Rolle an, um akzeptiert und wahrgenommen zu werden

Gefühl des Unverstandenseins: fühlt sich von Lehrpersonen und Mitschülern*innen missverstanden und nicht akzeptiert

Widersprüchliche Leistungen: zeigt trotz offensichtlicher Intelligenz schwache schulische Leistungen

In seinem Umfeld fällt ein hochbegabtes Kind auf

Unübliche Freizeitinteressen: zeigt wenig Interesse an typisch altersgemäßen Freizeitaktivitäten

Perfektionismus und Selbstkritik: perfektionistisch veranlagt, kritisiert sich und andere stark

Bevorzugung geistiger Aktivitäten: zieht geistig-verbale Auseinandersetzungen körperlichen Aktivitäten vor

Hohe Sensibilität für zwischenmenschliche Dynamiken: besitzt ein ausgeprägtes Gespür für die Wechselwirkungen zwischen Menschen

Asynchrone Entwicklung: ist intellektuell seinen Altersgenossen weit voraus, zeigt allerdings emotional typische Reaktionen

Gefühl der Isolation: fühlt sich von anderen oft unverstanden oder isoliert

Es gibt eine Vielzahl von Hinweisen für Eltern, eine mögliche Hochbegabung bei ihrem Kind zu erkennen.

Wenn Eltern erkannt haben, dass ihr Kind hochbegabt ist, gibt es viele Möglichkeiten, es auch außerhalb von Schule oder Kindergarten zu fördern: Das Wichtigste ist, dass Sie ihrem Kind den Eindruck vermitteln, dass seine Begabung gut und von Ihnen gewollt ist.

Wie erkennt man Hochbegabung?

In unserer Gesellschaft und insbesondere bei Lehrern, Schülern und Eltern besteht das Vorurteil, hochbegabte Kinder zeigen immer außergewöhnlich gute Leistungen in der Schule. Für viele hochbegabte Kinder trifft dies auch zu. Eine große Anzahl dieser Kinder entspricht aber gar nicht dieser Vorstellung – sie zeigen kein Interesse an Kindergarten oder Schule, haben schlechte Noten und haben kaum über soziale Kontakte.

Diese Kinder verbergen ihre besonderen Begabungen. Sie haben aufgrund vieler Erfahrungen Angst vor Nachteilen und das Gefühl, von niemandem verstanden zu werden. Sie befürchten – bewusst oder unbewusst – sozialen Druck von Eltern, Verwandten, Gleichaltrigen, Erziehern und Lehrern und vermeiden diesen.

Fehlende Bestätigung und Anerkennung führt bei diesen Kindern zu falscher Selbstwahrnehmung und geringem Selbstbewusstsein. Bei Mädchen wirkt sich der soziale Druck zur Anpassung aufgrund von immer noch existierenden Rollenbildern besonders stark aus. Dies führt dazu, dass deutlich weniger hochbegabte Mädchen erkannt werden, obwohl eine Gleichverteilung der Intelligenz wahrscheinlich ist.

Wir haben einige Kriterien zusammengestellt, anhand derer Eltern, Lehrerinnen oder Erzieherinnen Hochbegabung erkennen können. Für einen weitgehend objektiven Nachweis der Hochbegabung ist jedoch ein Intelligenztest bei einem Psychologen erforderlich, der Erfahrung mit hochbegabten Kindern hat.

Erkennen durch Eltern

Es gibt eine Vielzahl von Hinweisen für Eltern, eine mögliche Hochbegabung bei ihrem Kind zu erkennen. Nicht bei jedem Kind treffen alle Merkmale zu – eine Häufung von Merkmalen kann jedoch ein Hinweis auf eine mögliche Hochbegabung sein.

🧠 Kognitive und sprachliche Frühentwicklung

  • Das Kind hat sehr früh ein starkes Interesse an seiner Umgebung.
  • Es fängt früh an zu sprechen, „überspringt“ die Baby-Sprache, bildet sehr schnell ganze Sätze und verfügt über einen großen Wortschatz.
  • Es zeigt früh ein starkes Interesse an Symbolen, wie Automarken, Firmen-Logos und dann auch an Buchstaben und Zahlen.
  • Es bringt sich selbst Lesen und Rechnen bei, ohne sagen zu können, wie es das geschafft hat.
  • Es verblüfft durch ein gutes Gedächtnis.

🔍 Denkvermögen, Lernfreude und Neugier

  • Es löchert Erwachsene mit aufeinander aufbauenden Fragen – auch zu vermeintlich nicht „altersgerechten“ Themen.
  • Es erfasst komplexe Zusammenhänge und überträgt diese auf andere Fragestellungen.
  • Es hat Spaß am Lernen von unterschiedlichsten Themen.
  • Es fällt durch eine starke Phantasie auf und zeigt Initiative und Originalität bei intellektuellen Herausforderungen.
  • Es verblüfft Erwachsene häufig mit Fragen nach Ursprung und Sinn des Lebens.

💬 Soziale, emotionale und charakterliche Merkmale

  • Es zeigt einen starken Gerechtigkeitssinn und hinterfragt Entscheidungen von „Autoritäten“. Hat es den Sinn dieser Entscheidungen eingesehen, folgt es ihnen manchmal mehr als 100-prozentig.
  • Es ist ausgesprochen sensibel für zwischenmenschliche Beziehungen.
  • Es unterhält sich und spielt lieber mit älteren Kindern oder Erwachsenen als mit Gleichaltrigen.
  • Es hat nur ein geringes Schlafbedürfnis.

Es ist für Eltern mitunter schwierig, eine Hochbegabung bei ihrem Kind zu erkennen und zu akzeptieren. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Einerseits fehlt es an Wissen über Hochbegabung, andererseits fürchten Eltern mögliche Komplikationen und sozialen Druck. Nicht selten ist auch die Angst, durch das Kind überfordert zu werden. Zudem ist Hochbegabung teilweise erblich bedingt. Das Eingeständnis, dass das Kind hochbegabt ist, könnte auch bedeuten, dass man selbst, der Partner oder beide besonders begabt sind.

Hochbegabte Kinder haben – wie andere Kinder auch – viele Eigenschaften. Nicht jede positive oder negative Eigenart eines Kindes ist auf seine Hochbegabung zurückzuführen – so angenehm diese Annahme auch manchmal ist.

Wenn Eltern erkannt haben, dass ihr Kind hochbegabt ist, gibt es viele Möglichkeiten, es auch außerhalb von Schule oder Kindergarten zu fördern: Am wichtigsten ist es, dem Kind das Gefühl zu vermitteln, dass seine Begabung gut und von ihnen gewollt ist.

Erkennen durch Lehrer*innen und Erzieher*innen

Auch in Kindergarten und Schule können Erzieher und Lehrer aus charakteristischen Merkmalen oder Verhaltensweisen auf eine mögliche Hochbegabung schließen:

📘 Kognitive Merkmale und Lernverhalten

  • Es hat neuen Lernstoff meist beim ersten Mal verstanden und verabscheut Wiederholungen.
  • Es „versagt“ anscheinend bei Routine-Aufgaben, wird aber munter bei schwierigen Aufgabenstellungen.
  • Es schlampt bei zu einfachen Hausaufgaben, wie z.B. Ausmalen oder Päckchen-Rechnen. Es weigert sich, bereits Verstandenes in kleinen Variationen zu wiederholen. Ist ein Thema aber interessant und herausfordernd, arbeitet es sauber und gründlich.
  • Es macht in Klassenarbeiten Fehler bei einfachen Aufgaben, schwierigere Aufgaben werden aber fehlerfrei gelöst.
  • Es bekommt schlechte Noten in Tests, obwohl der Lehrer subjektiv den Eindruck hat, dass er alles verstanden hat.
  • Es träumt anscheinend während des Unterrichts, weiß auf Anfragen aber die richtige Antwort.

🎯 Motivation, Langeweile und Anpassung im schulischen Kontext

  • Es langweilt sich im Unterricht und zeigt – manchmal auch demonstrativ – Desinteresse.
  • Es spielt den Klassenclown, um von anderen anerkannt zu werden oder um etwas gegen Langeweile zu tun.
  • Es zieht sich total in sich zurück, ist häufiger krank oder simuliert Krankheiten.
  • Es ist ausgesprochen kritisch gegenüber sich selbst und gegenüber anderen – auch gegenüber Lehrern.

🤝 Soziale Beziehungen und Integration

  • Das Kind beteiligt sich im Kindergarten nur ungern an Gruppenspielen, hat aber schon früh ein ungewöhnlich großes Interesse an Zahlen, Buchstaben oder Symbolen.
  • Es spielt und spricht im Kindergarten bevorzugt mit älteren Kindern oder Erziehern.
  • Es spielt in Pausen nicht mit Gleichaltrigen und wird manchmal von anderen Kindern ausgegrenzt, gemobbt oder auch geschlagen.

Auch hier gilt: Die genannten Einzelmerkmale sind nur Hinweise auf eine mögliche Hochbegabung. Nicht jeder Klassenclown, Träumer oder Einzelgänger ist hochbegabt, nicht jeder Fehler bei einfachen Aufgaben, nicht jede schlampige Hausarbeit ist auf eine Hochbegabung zurückzuführen. Auch Erzieher oder Lehrer können Schwierigkeiten haben, eine Hochbegabung zu erkennen. Gründe dafür sind, dass Hochbegabung in der Aus- und Weiterbildung oft noch kein Thema ist. Auch setzen viele Lehrer systembedingt gute Noten mit Intelligenz und schlechte Noten mit mangelnder Intelligenz gleich.

Häufig erkennen hochbegabte Kinder das Unterrichtsziel sehr früh und verraten es, ohne dass die anderen Kinder die Chance haben, sich das Lernziel schrittweise zu erarbeiten. Hinzu kommen die steigenden Anforderungen an die Lehrer in zu großen Klassen mit einer wachsenden Zahl von problematischen Kindern und Eltern.

Es gibt viele Möglichkeiten Hochbegabung zu fördern: Das Wichtigste ist, dem Kind das Gefühl zu geben, dass seine Begabung gut und von Ihnen gewollt ist.

Nachweis von Hochbegabung

Bestimmte Verhaltensweisen sind nur Hinweise auf eine mögliche Hochbegabung. Ein weitgehend objektiver Nachweis der Hochbegabung kann nur durch einen Intelligenztest bei einem Psychologen erfolgen, der Erfahrung mit hoch begabten Kindern hat.

Bei einem Intelligenzquotienten von 130 und mehr wird im Allgemeinen von einer Hochbegabung ausgegangen. Bei einem Quotienten zwischen 115 und 130 spricht man von einer überdurchschnittlichen Begabung. Der Intelligenzquotient ist ein Versuch, die individuelle Begabung objektiv zu messen und ist daher immer mit einer gewissen Ungenauigkeit verbunden. Ein Kind kann sich zwar aus vielen Gründen bei einem Intelligenztest zurückhalten, so dass sein Intelligenzquotient unterschätzt wird – ein zu hoher Quotient ist jedoch sehr unwahrscheinlich.

Erfahrene Psychologen betrachten Intelligenztests nur als ein Hilfsmittel zur Diagnose von Hochbegabung- berücksichtigt werden auch die Ergebnisse eines Vorgesprächs mit dem Kind und seinen Eltern sowie das Verhalten des Kindes während des Tests.

Intelligenztests erscheinen uns notwendig, wenn Sie einen Nachweis gegenüber Kindergarten oder Schule (oder auch sich selbst) benötigen oder wenn Sie selbst wissen wollen, in welchen Bereichen die Begabung besonders hoch ist.

Viele Psychologen verfügen über umfangreiche Erfahrungen mit Kindern am anderen Ende des Intelligenzspektrums mit zum Teil problematischen Elternhäusern. In Einzelfällen hatten Eltern den Eindruck, dass diese Erfahrungen und die daraus abgeleiteten Lösungsansätze vorschnell auf hochbegabte Kinder mit Schulschwierigkeiten übertragen wurden.

Wenn bei Ihrem Kind ein Intelligenztest durchgeführt wurde, bestehen Sie auf einen Ergebnisbericht aus dem auch das Begabungsprofil in den verschiedenen Bereichen hervorgeht.

Wurde bei Ihrem Kind eine Hochbegabung diagnostiziert, ist eine individuelle Förderung wichtig!